Was ist der Unterschied zwischen FICO und VantageScore?
Warum es in den USA mehrere Score-Familien gibt, wieso dieselbe Person gleichzeitig verschiedene Zahlen hat und welche davon ein Kreditgeber tatsächlich ansieht.
Auf einen Blick#
| FICO | VantageScore | |
|---|---|---|
| Herausgeber | Fair Isaac Corporation | Gemeinschaftsunternehmen der drei Auskunfteien |
| Typische Verwendung | Kreditentscheidungen | kostenlose Anzeigen in Apps und Portalen |
| Datengrundlage | Bericht einer Auskunftei | Bericht einer Auskunftei |
| Versionen gleichzeitig im Einsatz | mehrere, dazu Branchenfassungen | mehrere |
| Wer die Version wählt | der Kreditgeber | der Anbieter der Anzeige |
| Was du beeinflussen kannst | die Daten im Bericht | die Daten im Bericht |
Warum es überhaupt zwei Familien gibt#
Ein Score ist ein Produkt, kein amtlicher Wert. Ein Hersteller entwickelt ein Modell, das aus den Daten eines Kreditberichts eine Risikoeinschätzung errechnet, und verkauft dieses Modell an Kreditgeber. Wer ein besseres Modell verkaufen will, baut ein eigenes, und so sind die beiden Familien entstanden. Die ältere stammt von einem spezialisierten Hersteller und ist über Jahrzehnte zum Standard der Kreditentscheidung geworden. Die jüngere Familie wurde von den drei großen Auskunfteien gemeinsam entwickelt, unter anderem, um nicht dauerhaft von einem einzigen Zulieferer abhängig zu sein.
Den Score gibt es deshalb nicht. Für dich als Antragsteller existiert eine Handvoll Zahlen gleichzeitig, und welche davon in einem konkreten Antrag zählt, entscheidet allein der Anbieter.
Wie sich die beiden Familien unterscheiden#
Die ältere Familie trägt die Kreditentscheidungen#
Die Modelle des spezialisierten Herstellers sind in Kreditentscheidungen weit verbreitet und existieren in mehreren Versionen nebeneinander. Dazu kommen Branchenfassungen, die auf bestimmte Produkte zugeschnitten sind, etwa auf Autofinanzierungen oder auf Kreditkarten.
Die Vielfalt der Versionen ist kein Versehen, sondern Geschäftsmodell. Ein Kreditgeber kauft die Version, die zu seiner Risikopolitik passt, und wechselt nicht bei jeder Neuerung. Deshalb kann ein Anbieter heute mit einer Fassung arbeiten, die mehrere Jahre alt ist, während ein anderer die neueste einsetzt. Selbst innerhalb derselben Familie ist deine Zahl also nicht eindeutig. Sie hängt an der Version, und die Version steht in keinem Antragsformular.
Die jüngere Familie dominiert die kostenlosen Anzeigen#
Die gemeinsam entwickelte Familie der Auskunfteien ist dort verbreitet, wo Verbraucher ihren Score kostenlos angezeigt bekommen: in Banking-Apps, in Kartenportalen, in Vergleichsdiensten. Der Grund ist wirtschaftlich, denn die Lizenzierung für diesen Zweck ist anders geregelt als für Kreditentscheidungen.
Daraus entsteht ein hartnäckiges Missverständnis. Die Zahl, die du täglich in der App siehst, ist häufig nicht die Zahl, die dein künftiger Anbieter prüft. Sie kann höher liegen, sie kann niedriger liegen, und sie reagiert teilweise anders auf dieselben Ereignisse.
Wertlos ist die Anzeige deswegen nicht. Sie zeigt zuverlässig die Richtung: Wenn die Auslastung steigt oder eine Zahlung fehlt, sinkt auch diese Zahl. Als Frühwarnsystem taugt sie, als Prognose für eine Antragsentscheidung nicht.
Beide rechnen auf denselben Daten#
So verschieden die Modelle sind, ihre Rohstoffe sind identisch: die Einträge im Kreditbericht. Beide Familien bewerten Zahlungsverhalten, Außenstände, Alter der Konten, neue Konten samt Anfragen und die Zusammensetzung der Kontoarten.
Ändern lässt sich deshalb nur der Bericht. Der Score selbst ist nicht verhandelbar, aber jede Verbesserung im Bericht hebt automatisch alle Zahlen, die daraus errechnet werden, unabhängig von Familie und Version. Wie dieser Bericht entsteht, steht in Wie eine US-Kreditgeschichte entsteht.
Warum dieselbe Person mehrere Zahlen hat#
Drei Ursachen erzeugen Abweichungen, und sie wirken unabhängig voneinander.
Die Auskunftei. Jede der drei großen Auskunfteien hält eigene Daten. Ein Konto, das nur an zwei von ihnen gemeldet wird, fehlt in der dritten Datei, und ein Modell kann nur bewerten, was vorliegt.
Die Modellfamilie. Zwei Hersteller, zwei Rechenwege. Gleiche Daten führen zu unterschiedlichen Ergebnissen, besonders bei kurzen Historien und bei Sonderfällen wie Sammelinkasso oder alten negativen Einträgen.
Die Version. Innerhalb einer Familie behandeln verschiedene Versionen dieselbe Lage unterschiedlich. Eine neuere Version kann etwa bezahlte Inkassoeinträge ignorieren, eine ältere nicht.
| Quelle der Abweichung | Beispiel | Was du dagegen tun kannst |
|---|---|---|
| Auskunftei | ein Konto wird nur an zwei von drei gemeldet | alle drei Berichte prüfen |
| Modellfamilie | App zeigt eine andere Familie als der Kreditgeber nutzt | Richtung statt Absolutwert lesen |
| Version | Anbieter nutzt eine ältere Fassung | nichts, die Wahl liegt beim Anbieter |
| Stichtag | Saldo wurde vor der Zahlung gemeldet | früher zahlen, siehe Abrechnungsstichtag |
In deiner Hand liegen nur zwei dieser Quellen, die Prüfung aller drei Berichte und der Zeitpunkt der Zahlung vor dem Stichtag. Die Wahl von Familie und Version trifft immer der Anbieter, und keine Vorbereitung ändert daran etwas.
Rechenbeispiel: dieselbe Person, drei Zahlen#
Eine Person hat zwei Kreditkonten, beide seit zwölf Monaten ohne Rückstand. Konto A wird an alle drei Auskunfteien gemeldet, Konto B nur an zwei, und der Saldo von Konto B wurde im letzten Zyklus hoch gemeldet.
| Auskunftei 1 | Auskunftei 2 | Auskunftei 3 | |
|---|---|---|---|
| Konto A sichtbar | ja | ja | ja |
| Konto B sichtbar | ja | ja | nein |
| Gemeldete Auslastung | hoch | hoch | niedrig |
| Länge der sichtbaren Historie | 12 Monate | 12 Monate | 12 Monate |
| Erwartete Score-Richtung | gedrückt | gedrückt | besser |
Ein Anbieter, der Auskunftei 3 abfragt, sieht eine niedrige Auslastung und ein Konto weniger. Ein Anbieter, der Auskunftei 1 abfragt, sieht dieselbe Person mit hoher Auslastung. Beide Zahlen sind korrekt berechnet, und sie unterscheiden sich, ohne dass jemand einen Fehler gemacht hat.
Die Differenz entsteht hier allein durch die Datenlage, das Modell spielt keine Rolle. Bei solchen Abweichungen lohnt deshalb zuerst die Suche nach dem fehlenden oder falsch gemeldeten Konto und erst danach die Frage nach dem verwendeten Modell.
Was das für einen Antrag bedeutet#
Plane nie mit einer exakten Zahl. Ein Antrag, der davon abhängt, dass die App gerade einen bestimmten Wert zeigt, beruht auf einer Zahl, die der Anbieter möglicherweise gar nicht sieht. Sinnvoller ist es, in Zuständen zu denken. Ein Bericht ohne Rückstände, mit niedriger Kreditauslastung und mit mehreren Monaten gemeldeter Historie ist in jeder Familie und in jeder Version ein guter Bericht. Ein Bericht mit offenem Rückstand ist in keiner davon gut.
Auch der Zeitpunkt spielt mit. Weil der gemeldete Saldo vom Stichtag abhängt, verschiebt sich die Zahl je nachdem, wann gezahlt wurde. Ein niedriger Saldo kurz vor dem Antrag verbessert den gemeldeten Stand, ohne dass irgendetwas manipuliert wird. Die Mechanik dazu steht in Abrechnungsstichtag und Fälligkeit.
Bei der Reihenfolge der Anträge wiegt der einzelne Schritt wenig. Anfragen und neue Konten liegen in der kleinsten Faktorgruppe, und was ein einzelner Hard Pull bewirkt, ist entsprechend gering. Ins Gewicht fällt das Muster mehrerer Anträge in kurzer Zeit, und das sieht jeder Anbieter, unabhängig vom verwendeten Modell.
Was beide Modelle nicht sehen#
Ein Score bewertet ausschliesslich, was im Kreditbericht steht. Vier Dinge, die ein Mensch für offensichtlich relevant hält, fehlen darin vollständig, und dieses Fehlen erklärt viele Absagen, die sonst unverständlich wirken.
Das Einkommen. Gehalt und Vermögen stehen in keinem Kreditbericht und fliessen in keinen Score ein. Ein Anbieter fragt das Einkommen deshalb im Antrag getrennt ab und trifft seine Entscheidung aus beidem.
Die Ersparnisse. Ein hohes Guthabenkonto beim selben Haus verbessert den Score nicht. Es kann die Entscheidung des Anbieters beeinflussen, weil er die Geschäftsbeziehung sieht, aber die Zahl bleibt davon unberührt.
Die Miete. Mietzahlungen erscheinen nur, wenn sie ausdrücklich gemeldet werden, und das ist die Ausnahme. Jahrelang pünktlich gezahlte Miete hinterlässt in der Akte keine Spur, solange niemand sie meldet.
Der Grund einer Zahlung. Ein Bericht unterscheidet nicht zwischen einer vergessenen Zahlung und einer bestrittenen Rechnung. Beide erscheinen als Rückstand, und die Klärung läuft über das Bestreitungsverfahren, nicht über eine Erklärung an das Modell.
Wie du praktisch mit den Zahlen umgehst#
Für den Alltag genügt eine schlanke Routine, die ohne Modellkunde auskommt und trotzdem jede Abweichung sichtbar macht.
Eine Quelle, regelmäßig. Wähle eine kostenlose Anzeige und sieh sie in festen Abständen an, etwa monatlich. Vergleiche ihren Verlauf mit sich selbst, nicht mit anderen Anzeigen. Die eigene Abfrage ist eine weiche Anfrage und kostet keine Punkte. Kleine Bewegungen sind normal, denn ein höher gemeldeter Saldo, ein geschlossenes Konto oder eine neue Anfrage verändern die Berechnung, ohne dass ein Fehler vorliegt. Springt die Zahl dagegen ohne erkennbaren Anlass, ist es Zeit, den Bericht zu prüfen.
Alle Berichte, seltener. Die Berichte selbst sind der eigentliche Gegenstand. Sie einmal im Quartal durchzusehen genügt, und der Abruf kostet nichts. Geachtet wird auf fehlende Konten, falsche Limits, fremde Anfragen und alte Einträge, die längst weg sein müssten.
Vor einem Antrag, gezielt. Vier Wochen vor einem geplanten Antrag lohnt ein genauerer Blick: Salden niedrig halten, keine weiteren Konten eröffnen, offene Fehler bestreiten. Die Reihenfolge der Anträge plant man in derselben Sitzung mit, denn sie wirkt stärker als jede Feinjustierung der Zahl.
Mit dieser Routine musst du die Frage nach der Modellfamilie kaum je beantworten. Sie stellt sich nur dort, wo eine konkrete Ablehnung erklärt werden soll, und dann liefert der Anbieter die Begründung samt verwendeter Quelle ohnehin schriftlich nach.
Wann sich der Modellvergleich nicht lohnt#
In diesen Situationen ist die ganze Frage gegenstandslos:
- Noch kein gemeldetes US-Konto. Das betrifft vor allem Zugezogene aus dem DACH-Raum. Ohne Konto hilft keine Modellkunde, und alles Weitere folgt erst aus dem ersten Konto.
- Leere Akte. Ohne ausreichende gemeldete Daten liefert kein Modell eine Zahl. Der Vergleich zweier Familien ist dann müßig, denn beide sagen dasselbe, nämlich nichts.
- Kein anstehender Antrag. Ohne konkretes Vorhaben ist der Score eine Zahl ohne Verwendung. Sie beobachtet sich angenehm und ändert nichts.
- Offene Rückstände oder teure Salden. Mit Zinsen oder einer geschuldeten Zahlung hast du ein Geldproblem, kein Modellproblem. Jede Minute für den Modellvergleich ist dann an der falschen Stelle investiert.
Die häufigsten Fehler#
- Die App-Zahl für die Antragszahl halten. Die Anzeige zeigt eine Richtung, als Entscheidungsgrundlage taugt sie nicht.
- Zwei Quellen miteinander vergleichen. Zwei Modelle zum selben Zeitpunkt nebeneinander sagen nichts. Aussagekräftig ist eine Quelle, über die Zeit verfolgt.
- Für einen Score bezahlen. Der Bericht ist kostenlos zugänglich und enthält die Daten, an denen sich etwas ändern lässt.
- Nur eine Auskunftei prüfen. Drei Dateien bedeuten drei mögliche Fehler, und ein fehlendes Konto sieht man nur in der Datei, in der es fehlt.
- Auf einen runden Wert hin optimieren. Anbieter arbeiten mit eigenen Schwellen und eigenen Regeln, und kein bestimmter Wert garantiert eine Zusage.
- Die Modellfrage vor die Kontofrage stellen. Feinheiten der Berechnung zählen erst, wenn Konten korrekt gemeldet werden.
Ein Wort zur Vergleichbarkeit der Zahlenbereiche#
Beide Familien nutzen in ihren gängigen Fassungen denselben Zahlenbereich, und genau das verführt zum falschen Schluss. Gleiche Skala heißt nicht gleiche Bedeutung: Ein Wert am oberen Rand bedeutet in beiden Familien ein niedriges Risiko, die Schwelle, ab der ein bestimmter Anbieter zusagt, ist damit aber nicht bestimmt.
Anbieter veröffentlichen ihre Schwellen nicht, und sie verschieben sie je nach Risikoappetit. Was in einem Jahr für eine Zusage gereicht hat, kann im nächsten zu wenig sein, ohne dass sich an der eigenen Akte etwas geändert hätte. Eine magische Zahl, ab der alles gelingt, gibt es deshalb nicht.
Der eigentliche Hebel ist der Bericht. Bring ihn in einen Zustand, der in jeder Version gut aussieht, und plane die Reihenfolge der Anträge so, dass jeder eine realistische Chance hat. Beides ist unabhängig davon, welche Familie ein Anbieter kauft, weil alle Modelle dieselben Rohdaten verwenden. Pünktliche Zahlungen, eine niedrige Auslastung und Zeit für den Bericht tragen in jeder Version. Der Vergleich der Modelle verbessert nur die Anzeige, nicht die Lage.
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